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Jahresbericht 2003

Jahresbericht der Kirchenpflege Er sprach zu ihnen:
Die Ernte ist gross,
der Arbeiter aber sind wenige.
Darum bittet den Herrn der Ernte,
dass er Arbeiter in seine Ernte sende.
Lukas 10, 2



Jesus hat mit diesen Worten die Sendung der Siebzig eingeleitet und sie be-auftragt, das Evangelium in die Welt zu tragen. Vor ein paar Jahren hat die Kirchenpflege diese Worte aufgenommen und in einer Vision die Gedanken formuliert, die für das Handeln der Kirchgemeinde wegleitend sein sollen: „Sie verkündigt das Evangelium von Jesus Christus durch ihre Haltung, ihr Wirken und durch das in Gottesdienst und Amtshandlungen lebensnah ausgelegte Wort.“

Wenn unsere Kirchgemeinde diesem Anspruch gerecht werden will, benötigt sie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – seien es festangestellte oder freiwillige. Im Jahre 2003 ergaben sich eine Reihe von Veränderungen in unserem Mitarbeiterteam.

Am 1. Januar trat Herr Stefan Wyss seine 20%-Stelle als Jugendarbeiter an. Er leitet den TeenMeet im Dorf, wo jeweils am Dienstagnachmittag etwa 16 Fünft- und Sechs-KlässlerInnen zusammenkommen.
Am 26. Oktober verliess uns Herr René Schärer, der fünf Jahre als Jugendar-beiter gewirkt hat. In Erinnerung bleibt er insbesondere als Begründer der OnStage-Band und als Leiter von Lagern. Er wollte sich jetzt ganz seinem Theologie-Studium zuwenden. Wir danken René Schärer herzlich für seinen Einsatz in unserer Gemeinde.

Als Nachfolger trat am 1. November Herr Markus Hoffmann eine 50%-Stelle an. Er widmet sich der Planung und Durchführung der Jugend-Gottesdienste, der Unterstützung der TeenMeet Arbeit im Zollikerberg, der Lagerarbeiten und eigenen Projekten.

Durch die Zustimmung der Kirchgemeindeversammlung im November zur Er-höhung der Stellenprozente für die Jungendarbeit um 30% auf 180% wurde es möglich, die Jugendarbeit ab 2004 angemessen auszubauen.

Eine personelle Veränderung ergibt sich auch bei den Sozial-Diakonischen Diensten. Frau Carmen Jucker hat ihre Stelle auf Ende März 2004 gekündigt, da sie eine Stelle als Verantwortliche für die Altersarbeit in der Politischen Gemeinde Wallisellen übernehmen wird. Aufgrund ihrer Ausbildung zur Gerontologin, konnte sie wesentliche Impulse in unsere Altersarbeit einbringen.

Ende Mai hat Frau Yvonne Meitner ihr Praktikum in unserer Gemeinde abge-schlossen. Sie ist von Pfarrer Simon Gebs in die Aufgaben einer Pfarrerin ein-geführt worden und hat selber eine Reihe von Kasualien und Gottesdiensten betreut. Wir danken Pfarrer Gebs für seinen Beitrag zur Ausbildung der Pfarrer und Frau Meitner für ihr Wirken in unserer Gemeinde. Sie ist am 27. Mai in einem Gottesdienst verabschiedet worden.

Neben den festangestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wirken eine grössere Anzahl von Freiwilligen in unserer Gemeinde. Sie unterstützen uns in der Sonntagsschule, der Jugendarbeit, der Altersarbeit, bei Kirchenapéros und mit weiteren Handreichungen. Am 10. September haben über hundert Freiwilli-ge an einem Ausflug mit Nachtessen teilgenommen, wo wir ihnen für ihre Mit-hilfe gedankt haben.

Damit wir unsere Aufgaben wahrnehmen können, sind wir auf eine gute Infrastruktur angewiesen. Dazu muss sichergestellt werden, dass unsere Gebäude sauber und gepflegt sind. Nach der Betriebsaufnahme des renovierten Kirch-gemeindehauses am Rosenweg musste deshalb ein Verantwortlicher für die Wartung des neuen Gebäudes gesucht werden. In Herrn George Livings fan-den wir einen Hauswart, der vorerst auf Stundenbasis beschäftigt wurde. Mit der zunehmenden Belegung des Hauses drängte sich eine definitive Lösung auf. Die Kirchgemeindeversammlung hat dann im November eine Teilzeit-Hauswartstelle von 30% bewilligt.

Im Sommer starteten wir mit einem zweijährigen Versuch des Projekts „Beglei-tetes Wohnen“. Die Erfahrungen unseres Pfarramtes und der Sozialbehörde der Politischen Gemeinde Zollikon haben gezeigt, dass in unserer Gemeinde ein Bedarf an Wohnraum für Jugendlichen in schwierigen Adoleszenzphasen besteht. Dieser Bedarf zeigt sich in gestörten Familiensystemen, wo sich schon durch temporäre Lösungen sowohl für die betroffenen Jugendlichen wie auch für die Familien eine heilsame Entlastung einer konfliktträchtigen Situati-on ergeben kann. Die Kirchenpflege hat sich deshalb entschlossen, diese Be-darfslücke zu schliessen. Sie hat dem Verein Samowar Bezirk Meilen die 5-Zimmer-Wohnung in der kircheneigenen Liegenschaft Höhestrasse 10 vermie-tet. Die Arbeitsgruppe AJuWo des Vereins Samowar wird die einzelnen Zimmer an bis zu 4 Jugendlichen untervermieten. Dabei haben Betroffene aus der Ge-meinde Zollikon für 2 der 4 Wohnplätze Vorrang vor der Nutzung durch aus-wärtige Personen. Für die Betreuung der Jugendlichen konnte Frau Brigitte Gebs gewonnen werden, die eine dreijährige Ausbildung zur psychologischen Beraterin erfolgreich abgeschlossen hat. Für die Betreuung besteht zwischen ihr und der Kirchgemeinde ein Auftragsverhältnis. Frau Gebs verdient für ihren erfolgreichen Einsatz unseren herzlichen Dank.

Das Projekt wird durch die Mietzinseinnahmen, durch einen Beitrag der Sozial-behörde Zollikon und durch die Kirchgemeinde finanziert. Schon nach kurzer Zeit waren alle Plätze belegt. Die Versuchsphase verlief bis jetzt sehr erfolg-reich.

Im Laufe des Jahres konnten auch die Arbeiten am neuen Erscheinungsbild abgeschlossen werden. Wir wollen mit dem neuen Erscheinungsbild für eine bessere, optisch einheitliche, Wahrnehmung der verschiedenen Veröffentli-chungen der Kirchgemeinde sorgen. Zu diesem Erscheinungsbild gehört auch ein neues Logo. Das Wappen mit dem Schlüssel wurde oft mit dem Wappen der Politischen Gemeinde verwechselt. Als neues Logo wurde ein „Güggel“ gewählt, in Anlehnung an den Hahn auf dem Turm unserer Kirche im Zolliker-berg. Zudem wurde das Erscheinungsbild demjenigen der Landeskirche ange-passt. Es ist je länger je mehr wichtig, dass die einzelnen Kirchgemeinden als Teil der Landeskirche wahrgenommen werden.

Am 30. November fand eine wichtige kirchenpolitische Abstimmung statt. Es ging um eine Verfassungsänderung, ein neues Kirchengesetz und ein Aner-kennungsgesetz. Die Kirchenpflege hat am 30. Oktober im Kirchgemeindehaus Rösslirain ausführlich über diese Vorlagen orientiert. Zusätzlich konnten sich die Stimmbürger anhand einer breiten Palette von Artikeln in der Presse einge-hend über die Vorlagen informieren. Ein Zolliker Komitee hat zudem im Zolliker Boten im Vorfeld der Abstimmung mit Inseraten für diese Vorlagen geworben. Leider wurden alle Vorlagen in der Abstimmung verworfen. Ausschlag gab vorwiegend die Angst vor der Anerkennung weiterer Religionsgemeinschaften. Der Ja-Stimmenanteil in Zollikon lag zwar über dem Kantonsdurchschnitt, was jedoch das Gesamtergebnis nicht zu beeinflussen vermochte.

Aus den nachfolgenden Berichten des Mitarbeiterkonvents können weitere Einzelheiten aus dem Leben der Kirchgemeinde entnommen werden. Die Kir-chenpflege dankt der Pfarrerin und den Pfarrern, den Mitarbeiterinnen und Mit-arbeitern des Sozial-diakonischen Dienstes und der Jugendarbeit, der Organis-tin und dem Organisten, den Sigristinnen und dem Sigristen, den Mitarbeiterin-nen der Verwaltung und nicht zuletzt einer grossen Anzahl von freiwilligen Hel-ferinnen und Helfern für ihre Treue und ihr engagiertes Wirken.

Martin Eich, Präsident

Mitarbeiterkonvent Die Seele nährt sich an dem,
worüber sie sich freut.

Augustinus

Film läuft..

Freude! Das hatten die Frauen und Männer, die in einer der vergangenen Gemeindeferienwochen jeden Abend gespannt auf den Film warteten, den wir angekündigt hatten. Und diese Freude nahmen wir zum Anlass, im vergangenen Jahr das Projekt "Film läuft…" zu entwickeln.

Dass das Kinoangebot einem Bedürfnis bei älteren Menschen entspricht, merkten wir in eben der besagten Ferienwoche. "Ich würde so gerne ins Kino gehen, aber ich schaffe den Weg in die Stadt nicht mehr." Oder: "Wenn ich einen interessanten Film anschaue, so fehlt mir nachher die Möglichkeit, darüber zu diskutieren." Solche und andere ähnliche Äusserungen hörten wir, doch ein Satz berührte uns besonders und inspirierte uns zum Handeln: "Sie wissen gar nicht, was für eine grosse Freude Sie uns mit diesen Filmen gemacht haben!"

Seit mehr als einem Jahr bietet nun der Sozial-Diakonische Dienst im Winterhalbjahr einmal monatlich die Möglichkeit, auf Grossleinwand einen Film in Gemeinschaft anzuschauen. Damit das Angebot auch dem Geschmack und Bedürfnis unserer Zielgruppe entspricht, haben wir eine Arbeitsgruppe gebildet. Die drei Frauen, welche am Filmprogramm mitarbeiten, konnten aus den Zuschauerinnen rekrutiert werden. Im Team suchen wir alte aber auch neue Filme, um ein möglichst breites Programm anbieten zu können. Im Anschluss an die Filmvorführung besteht jeweils die Möglichkeit des Austausches, und zwar bei einem Getränk, Kuchen oder Apérogebäck.

Wer sich fragt, was ein Kinonachmittag bei der Kirche zu suchen hat, dem sei mit den Worten Augustinus' geantwortet: "der Seele Nahrung geben."

Carmen Jucker und Alex Kohli
Sozial-Diakonischer Dienst



Mitarbeit in der Jugendarbeit

Das Jahr 2003 wurde durch viele Anlässe und Ereignisse geprägt. Besonders freute uns der zunehmende Einsatz der vielen freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie haben unsere Jugendarbeit durch ihre Unterstützung einschneidend mitgeprägt. Anfangs Januar starteten wir unser Projekt "Stützkreis": Wir suchten Menschen aus Zollikon, die die Jugendarbeit in den Bereichen Kochen, Fahrdienst, Suchen von Jugendleiterinnen und Jugendleiter, Öffentlichkeitsarbeit, Handwerklicher Dienst, Administration, Basteln und als Gebetskreis unterstützen. Wir freuten uns, dass gegen 20 Leute am Informationsanlass teilnahmen und sich zur Mitarbeit meldeten.

Heute, ein Jahr später, blicken wir auf viele Einsätze in allen oben genannten Bereichen zurück und sind überwältigt von der Einsatzfreude und der Leistung dieser freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Wir haben angefangen, junge Menschen in die Leitung der Jugendgruppen, die sich regelmässig treffen, einzubeziehen, ihnen Verantwortung zu übergeben und sie in die Leiterrolle einzuführen.

Ende Dezember feierten wir mit zehn Leiterinnen und Leiter, die sich im Jahr 2003 regelmässig für die Jugendgruppen eingesetzt haben, Weihnachten - dies war ein ganz besonderer Moment für uns (angestellte) Jugendleiterinnen und Jugendleiter!

René Schärer hat auf Ende Oktober 2003 seine Stelle als Jugendarbeiter verlassen. Wir haben den Abschied zusammen mit allen, die René nahe standen, mit einem Gottesdienst und anschliessendem Mittagessen gefeiert, mit viel Musik, die von den ehemaligen OnStage-Bandmitgliedern gespielt wurde.

Anfangs November 2003 durften wir dann Markus Hoffmann als Nachfolger von René Schärer begrüssen. Er lernte zuerst die einzelnen Gruppen der Jugendarbeit kennen und wird im 2004 mit eigenen Projekten beginnen.

Michaela Tobler



Ein Paarkurs ergänzt das Angebot für Erwachsene

Die Paarbeziehung ist ein Lebensort, wo elementare Wünsche nach Lieben und ge-liebtwerden, nach Geborgenheit und gegenseitiger Förderung, nach Dauerhaftigkeit und Lebenssinn wesentlich erfüllt werden können. Noch immer suchen Mann und Frau in stabilen, verlässlichen Beziehungen Sinnstiftung für ihr Dasein. Moderne Be-ziehungen sind jedoch instabil und brüchig geworden. Die Gestaltung einer Ehe ist angesichts der Vielzahl an Erwartungen und Herausforderungen in unsern Tagen höchst anspruchsvoll geworden. Im Herbst 2003 haben meine Frau und ich be-schlossen, einen Versuch zu starten und - in Zusammenarbeit mit Jacqueline Scheu, Erwachsenenbildnerin, einen vierteiligen Paarkurs mit dem Titel „Beziehungs-Weise“ auf Gemeindeebene anzubieten. Aus der Beobachtung wie auch der eigenen Erfah-rung heraus, dass Beruf, Kinder, Verwandtschaft; Hobbies, Haustiere u.v.a.m. zu-meist mehr Aufmerksamkeit erhalten als die Paarbeziehung selbst, wagten wir die-sen Versuch, ein solches Angebot auf Ebene „Gemeinde“ auszuschreiben. 9 mutige Zolliker Paare (man kennt sich ja schliesslich) haben sich schliesslich 4 Abende reserviert, um ihre eigene Partnerschaft als Gegenstand der Reflexion zu nehmen und im Austausch mit andern über Themen wie „Stress in Partnerschaft“, Regeln der Kommunikation“ oder über die „Investitionstheorie der Liebe“ nachzudenken und nach Wegen der Anwendung in der eigenen Partnerschaft zu suchen. Das positive Echo auf diesen Kurs sowie die im Pfarrhausalltag leicht spürbare Nachfrage nach Paarberatung haben uns bewogen, auch im Herbst 2004 einen ähnlichen Kurs wie-der auszuschreiben. Gerade die Kirche, die in ihrem Menschenbild zutiefst vom Menschen als Beziehungswesen ausgeht und viele Paare im Ritual der Trauung auf einen langen Weg des Miteinanders schickt, ist hier gefragt, Niederschwelliege, praxisorientierte Angebote für Paare zu machen.

Pfarrer Simon Gebs



Bildung in der Kirche

Nebst einer ganzen Fülle von Angeboten in unserer Kirche spielen Bildungsangebote eine nicht zu unterschätzende Rolle. Sonntagschule, 3.-Klassunterricht, Religionsunterricht, Kon-firmandenunterricht, Erwachsenenbildung, Altersbildung - das Bildungsangebot ist im kirchli-chen Alltag fest verankert. Das hat im Protestantismus Tradition. Auch wenn dem Begriff "Bildung" heutzutage generell vielfach mit Skepsis begegnet wird. Kommt dazu, dass Bildung im momentanen gesellschaftlichen Umfelde immer mehr auf ihre Nützlichkeit befragt wird. Eltern melden ihre Kinder vom Religionsunterricht ab, weil die Zeit besser genutzt werden kann als im vom Notendruck freien Fach "Religion". Die Kirche hat hier keinen leichten Stand - nicht zuletzt, weil es sich um ein Angebot handelt, das tatsächlich den Charakter von Frei-heit innehat.

Gerade hier hat aber auch inhaltlich eine Wende zu früheren Zeiten stattgefunden. War es einst selbstverständlich, was "man" wissen muss als Christ, als Schulabgänger, als Staatsbürger, so ist der gestrige Bildungsinhalt selbst ins Wanken gekommen. Wer kann heute noch die 10 Gebote aufsagen, wer kann die Festzeiten im Kirchenjahre benennen und erklä-ren, wer hat ein biblisches Grundwissen von mehreren Geschichten des Alten und Neuen Testamentes?

Es ist nicht nur der Inflation von Reizen zuzuschreiben, dass die Menschen ein doch eher distanziertes Wissen von all diesen "religiösen" Dingen haben. Geht es doch immer und zwar wesentlich um die Frage, wie mit religiöser Bildung umgegangen werden muss, um sie sinn-voll einzusetzen, wo sie gefragt ist.

Die Selbstverständlichkeit von früheren Zeiten ist in einem doppelten Sinne fraglich gewor-den. Zum einen wurde von einer Ordnung, einem Weltgefüge ausgegangen, das einfach mal ist. Dementsprechend konnte auch gelehrt und gelernt werden. Da steht es, selbst die Spra-che ist vorgegeben, und die "Alten" wussten es schon. Die Moderne hat aufgezeigt, dass die Dynamik der geschichtlichen Erfahrungen, die Dynamik des Lebens, diese Ordnungswün-sche immer wieder übersteigt. Zum anderen ist die Person jedes einzelnen weit mehr ge-fragt. Einfache, generelle Übernahme von früherer "Bildung" wird zur Farce, wenn sie nicht mit dem subjektiven Erleben des Gegenübers rechnet.

Religiöse Bildung ist letztlich nichts anderes als ein Deutungsangebot, das dem Einzelnen helfen kann (aber nicht muss), sich in dieser komplexen Welt zurechtzufinden. Ein Deu-tungsangebot unter vielen anderen. Die Monopolstellung der Kirche bezüglich Deutung vom Menschen in dieser Welt existiert im Protestantismus längstens nicht mehr!

Die Bildung, wie sie im Religionsunterricht in der Schule, im Konfirmandenunterricht, in der Erwachsenenbildung, in der Altersbildung geschieht, ist ein Angebot, das dem einzelnen Deutungsmuster liefert angesichts des Lebens, angesichts dieser Welt, um sich dann über diese Deutungsmuster mit anderen "Suchenden" unterhalten zu können.

Wo dies in Freiheit geschieht, kann Gestaltung des eigenen Lebens, kann Gestaltung der "Welt" in eigener Verantwortung übernommen werden. Scheuen wir uns nicht, religiöse Bil-dung in diesem Sinne in unserer Kirche weiterhin zu pflegen.

Thomas Koelliker



„Einblick in eine andere Welt“

Es gehört zu meinen pfarramtlichen Alltag, dass ich mit ganz verschiedenen Lebenssituatio-nen konfrontiert werde. Eine besondere und auch bereichernde Herausforderung sind für mich die Spitalbesuche im Zollikerberg. Wenn immer möglich reserviere ich mir einen Mor-gen pro Woche dafür.

Nachdem ich mich angemeldet und ausgewiesen habe, erhalte ich an der Pforte des Spitals die Namen der reformierten Zolliker-Gemeindeglieder mit der jeweiligen Zimmernummer. Die Fortschritte in der Medizin haben auch die Seelsorge im Spital verändert. Die Aufenthalts-dauer der Patienten ist kürzer geworden und ich finde nur wenige Namen zwei- oder mehrmals auf der Liste. In der Regel sind mir bereits einige Patienten bekannt, die Mehrzahl ist mir jedoch fremd.

Bevor ich ein Zimmer betrete, atme ich nochmals tief durch. Ich spüre ein eigenartiges Ge-fühl in mir, denn ich weiss meistens nicht, was mich im Zimmer erwartet. Ich weiss nicht, in welcher Verfassung sich der Patient befindet, was er in den vergangenen Stunden oder Tagen erlebt hat, was für Prognosen er hat, ob er Schmerzen hat. Es ist für mich jedes Mal wie eine Reise in ein unbekanntes Land.

Nicht immer kommt es zu einem Besuch. Gelegentlich ist ein Zimmer leer, oder der Patient ist bereits mit einer Therapie beschäftigt oder er möchte im Moment keinen Besuch. Die Freiheit des Patienten mir gegenüber ist mir sehr wichtig. Ohnehin schon ans Bett gefesselt und oft mit der Erfahrung der Ohnmacht konfrontiert, ist es mir wichtig, dass der Patient die Freiheit hat, Ja zu sagen zu meinem Besuch, dass er auch im Gespräch bestimmt, was er erzählen und was er lassen möchte.

Manchmal werde ich bei der Begrüssung gefragt: „Was führt sie zu mir?“ Und meine Antwort lautet in der Regel: „Sie“. Ich komme ohne bestimmte Absicht. Im Mittelpunkt steht für mich der Patient mit seinen Bedürfnissen und seinen Themen. Der Patient darf so sein, wie er ist. Das Gelingen von religiösen Gesprächen und spirituellen Erfahrungen liegt nicht in meiner Hand. Diese brauchen Zeit und eine vertrauensvolle Atmosphäre. Sie sind Berührungen mit einem Geheimnis und geschenkte Erlebnisse. Ich selber sehe mich als Begleiterin und Zuhö-rerin, ich versuche die Menschen zu verstehen, frage nach, versuche das Denken und Füh-len zu erweitern. In einer geglückten Begegnung erlebe ich, wie Schritte möglich werden, die zu einer nachhaltigen Veränderung führen, wie sich neue Identität und Lebensbewältigung einstellen. Wo immer ein Gespräch zu einer echten Begegnung führt, liegt ein Vibrieren in der Luft, wird Energie frei, die Lebenskraft und Freude auslöst.

In den Besuchen am Spitalbett bin auch ich selbst sehr gefordert. Ich muss offen und au-thentisch sein, muss mich selbst wahrnehmen können. Ich muss bereit sein, mich auf einen Prozess einzulassen, mich ernsthaft in Frage stellen zu lassen, mich berühren zu lassen. Nicht zuletzt werde ich auch in meinem persönlichen Glauben immer wieder herausgefordert: Glaube ich wirklich, was ich sage? Ich ringe nach Worte. Ich muss mich dem Geheim-nis des schweigenden und verborgenen Gottes stellen und riskiere, auch verzweifelt zu wer-den. Immer wieder erlebe ich aber auch: es gibt Antworten, auch wenn sie sich kaum in Wor-te fassen lassen, es gibt Ergriffenheit inmitten von Gottverlassenheit, die sich nicht erklären lässt.

Nach meinen Spitalbesuchen kehre ich oft nachdenklich und müde, aber auch tief beglückt und beschenkt nach Hause zurück.

Pfrn. Anne-Käthi Rüegg-Schweizer






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